In Ihrem Team belastet mindestens 1 von 10 Mitarbeitern dieses Geheimnis.

Rita Hoffmann entgeht nichts im Service. Sie hat jede Bestellung im Kopf. Der Chef schätzt besonders an ihr, dass sie so genau zuhört, dass man ihr nichts zweimal erklären muss. Die Kasse bedient sie flink wie kaum eine Andere. Erst als Rita die neue Kaffeemaschine mittels Anleitung in Betrieb nehmen soll, ist sie nicht mehr wiederzuerkennen. Sie verwechselt die Reinigungslösungen und verursacht eine teure Reparatur. Der Chef kocht: "Haben Sie die Anleitung nicht gelesen?" Rita sagt: "Doch, natürlich... aber ich habe da was verwechselt." Niemals würde sie ihrem Chef die Wahrheit sagen. Nämlich dass die Anleitung für sie wie verschlüsselt erscheint. Unter Wörtern wie "Milchsystemreiniger" kann sie sich beim Lesen rein gar nichts vorstellen. Hätte es ihr jemand am Gerät gezeigt: Kein Problem! Aber auf dem Papier sind für Rita die langen Sätze und abstrakten Wörter nichts als Hyroglyphen.
So wie Rita Hoffmann geht es überraschend vielen Menschen in Deutschland. Denn Rita leidet unter funktionalem Analphabetismus. Die Betroffenen können einzelne Wörter oder kurze Sätze lesen und schreiben. Sobald es aber um abstrakte Begriffe, längere Wörter oder ganze Texte geht, können sie den Sinn durch reines Lesen nicht mehr begreifen. Die meisten Betroffenen haben panische Angst "dumm" zu wirken und tun daher alles, um diese Schwäche nicht offenbaren zu müssen. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall: ich kenne einige fantastische Kellner, Köche und sogar einen Restaurantinhaber, die alle kaum lesen und schreiben können. Sie alle sind aufmerksame Zuhörer und Beobachter.
Der Gedanke mag ungewohnt sein, dass sehr wahrscheinlich auch im eigenen Betrieb mindestens jeder Zehnte kaum oder gar nicht lesen und schreiben kann. Doch genau hier liegt für Sie als Chef die Chance: Statt sich zu ärgern, dass Ihre Anweisungen mal wieder nicht gelesen werden, können Sie einfach mal den Kommunikationskanal wechseln. Mehr dazu später.
Hier eine Dokumentation, die eindrucksvoll beschreibt, wie es den Betroffenen geht.

 

Diese Verhaltensweisen können unter Umständen ein Hinweis auf Lese-Rechtschreib-Schwäche/funktionalen Analphabetismus sein:
Betroffene vermeiden unsichere Situationen:
  • Informationsveranstaltungen werden nicht besucht.
  • Beförderungen werden ausgeschlagen.
  • Einfache oder auch lukrativ erscheinende Aufgaben werden nicht übernommen.
  • Schriftlich zu erbringende Unterlagen und Nachweise fehlen.
Schreibanforderungen werden an Vertraute und Fremde delegiert:
  • "Machen Sie das doch gleich mal."
  • "Sie können das besser."
  • "Das Formular nehme ich mit, ich mache das zu Hause."
  • "Den Arbeitsnachweis schreibe ich zu Hause."
Über Schwierigkeiten wird hinweggetäuscht:
  • Sie zeigen den Behördenbrief und fragen: "Wo muss ich da hin?" oder "Was mache ich damit?"
  • "Ich habe meine Brille vergessen." oder "Ich habe meine Hand verletzt."
  • "Meine Bewerbung ist doch noch aktuell".
  • "Die Schrift ist zu klein. Ich kann das nicht lesen."
schriftliche Informationen werden nicht verstanden:
  • Schriftlich erteilten Aufforderungen, Einladungen (z.B. per Post) wird keine Folge geleistet.
  • Schriftliche Aufgabenstellungen werden nicht verstanden.
  • Den Inhalt eines vorgelegten Textes können Menschen nicht wiedergeben oder sich darüber nicht austauschen.
Lese- und Schreibtechniken:
  • Menschen haben motorische Schwierigkeiten beim Schreiben.
  • Unterschriften sind gemalt und entsprechen nicht dem übrigen Schreibstil.
  • Die Arbeit an Texten, das Lesen und Schreiben wird nur sehr ungern ausgeführt.
  • Beim Ausfüllen von Formularen wird Hilfe benötigt.
  • In Schriftstücken gibt es sehr viele orthografische Fehler bis hin zu einer selbst entwickelten Schrift.
    (Quelle Alpha Portal http://alpha.rlp.de/g5441

 

Mit welchen Fragen erhalten Sie schon im Vorstellungsgespräch Hinweise auf LRS / Analphabetismus?
Der Mitarbeiter darf auf keinen Fall bloßgestellt werden. Direkte Fragen sind entsprechend tabu. Auch darf in Ihren Fragen kein Hinweis auf eine Wertung sein. (Wer antwortet schon gerne mit "Nein" auf die Frage ob man Bücher liest?)
Mit diesen Fragen können Sie das Thema einkreisen:
  • "Sind Sie eher der Lese- oder mehr der Kino-Fan?"
  • "Bevorzugen Sie eher längere Artikel in der Zeitung? Oder lesen Sie lieber kurze knackige Artikel im Internet?
  • "Jeder lernt ja anders. Sind Sie eher der Typ, der sich die Dinge leichter durch Lesen merkt? Oder hilft es Ihnen eher, wenn Sie einfach zuhören?
  • "Wie merken Sie sich etwas?"
Alle Antworten können lediglich ein Hinweis für Sie sein, den Sie in der Akte vermerken können. Wenn der Mitarbeiter dann wiederholt Anweisungen/Emails usw. "vergessen/nicht bekommen/noch nicht gelesen" hat, könnte dies den Verdacht erhärten, dass Sie einen anderen Kommunikationskanal benötigen, um sich mit dem Mitarbeiter zu verständigen. Denn gerade diese Menschen sind oft fantastische Zuhörer und Beobachter! Sprechen Sie mit Mitarbeitern Themen durch anstatt auf Listen zu verweisen. Mittlerweile gibt es zu jedem Thema irgendwelche Videos auf YouTube. Statt Arbeitsanweisungen zu schreiben, können Sie diese Videos verschicken.
 
Wie Sie beim Arbeitsschutz auf Nummer Sicher gehen
Ein Beispiel aus unserer Beratung: Ein Restaurant lässt sich bisher regelmäßig Arbeitsunterweisungen unterschreiben. 3 der 4 Koch-Azubis zeigen jedoch Anzeichen einer Leseschwäche. Der Ausbilder ahnt, dass er mit der bisherigen Unterweisungsmethode seiner Fürsorgepflicht nicht ausreichend nachkommen wird. Gleichzeitig fehlt ihm bei der mündlichen Unterweisung der wichtige schriftliche Nachweis. Im Falle eines Arbeitsunfalls könnte z.B. die Berufsgenossenschaft die unterschriebenen Arbeitsanweisungen als unzureichend erklären. Wie soll er da beweisen, dass das ganze zusätzlich besprochen worden war? Deshalb bat er uns mit 2 Kernfragen um Hilfe:
  • Wie kann der Ausbilder sicher sein, dass seine Azubis die Arbeitsanweisungen wirklich verstehen und nicht nur den Nachweis blind unterschreiben?
  • Wie kann dies im Zweifelsfalle nachgewiesen werden?
In Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft entwickelten wir ein simples System zur Erfolgskontrolle. Mittels einfach formulierter Multiple Choice Fragen wird der Wissenstand nach jeder Anweisung überprüft. Mittlerweile gibt es dafür sehr praktische Online Tools, die die Mitarbeiter vom Handy aus bedienen können. Nach der mündlichen (!) Einweisung lässt der Ausbilder nun die Azubis die Fragen online beantworten. Den Azubis macht das Spaß, sie können Punkte sammeln und der Ausbilder hat sofort den Überblick, wo Informationen noch nicht sicher verankert sind. Die Ergebnisse werden gespeichert und sind im Falle einer Überprüfung jederzeit abrufbar. 
Da diese Vorgehensweise bei den Azubis prima ankam, formulierten wir für das komplette Thema Arbeitsschutz/Brandschutz und Hygiene solche kleinen Quizfragen. Die Antworten dürfen durchaus auch mal lustig ausfallen. Seither ist das Thema Arbeitsschutz ein täglicher selbstverständlicher Begleiter in der betrieblichen Ausbildung und keine lästige Unterweisungspflicht alle halbe Jahr mehr. 
Auch im Berichtsheft können Arbeitsschutzthemen untergebracht werden. In Zusammenarbeit mit der IHK Potsdam haben wir Berichtsheft-Vordrucke entworfen, die neben dem Tätigkeits-Nachweis den Azubis jede Woche mit einer kurzen Aufgabe fordert. 
Sie möchten mehr über unsere Lösungen zum Thema Arbeitsschutz und sichere Kommunikation mit Auszubildenden wissen? Nutzen Sie unsere Beratungstools. Wir freuen uns auf Ihren Anruf!

 

 

Zum Schluss noch ein Beispiel für ein Hinweisschild in einfacher Sprache. Motto: 1 Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Hier ein Geschenktipp für lesefaule Kochazubis:

Jean-Francois Mallet: "Simplissime - Das einfachste Kochbuch der Welt" (Foto: buecher.de)

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